amsl goes FOLIO

By | 7. Juni 2018

Nach längerer Ruhepause auf unserem Blog melden wir uns nun mit größeren Neuigkeiten. Wir haben die letzte Zeit intensiv genutzt, um eine technisch nachhaltige Zukunft von amsl zu planen. Die Entscheidung war ein recht langer und sorgfältiger Prozess, innerhalb dessen wir uns viel mit dem Für und Wider einzelner Technologien und verschiedener Communities beschäftigt haben. Nun steht sie fest: amsl wird eine FOLIO-App. Wie kommt es dazu? Was bedeutet das überhaupt? Der nachfolgende Text versucht, unsere Überlegungen der letzten Monate kurz aber möglichst vollständig zusammenzufassen.

FOLIO - future of libraries is open

FOLIO ist ein internationales, community-getriebens Projekt zum Aufbau einer modularen Open Source Library Service Platform.

Zum Einen stellten die Installation und der Betrieb der notwendigen Komponenten für diverse interessierte Bibliotheken eine zu hohe Hürde dar, zum Anderen sind etliche der verwendeten Technologien inzwischen nicht mehr optimal erweiterbar und entsprechen nicht mehr den heutigen gestiegenen Anforderunge an moderne Browseranwendungen. Mit der Entscheidung für eine Neuentwicklung als sauberen Start ohne Ballast begann zunächst die Evaluierung verschiedener Linked-Data-Editoren und Triplestores. Dabei bemühten wir uns um einen möglichst objektiven Blick und ließen daher auch das Hinterfragen des bisherigen LOD-Ansatzes für unseren konkreten Anwendungsfall zu. Unsere zu Anfang sehr flexiblen Datenmodelle haben sich durch zahlreiche nationale und internationale Projekte im ERM-Kontext immer mehr gefestigt. Zeitgleich wurden mit einer immer größeren Betonung von Budgetierungs- und Rechnungsfunktionalitäten die verarbeiteten Daten immer sensibler. Unsere produktiven Anforderungen verlangten somit eine sehr zuverlässige, validierbare Datenhaltung. Konzepte von Datenintegrität und -validierbarkeit sind im Linked Data-Bereich zwar momentan aktiver Gegenstand der Entwicklung und scheinen in Ansätzen wie SHACL (siehe unseren letzten Blogpost “SHACL – “Fesseln” für bessere Datenqualität”) auch sehr erfolgsversprechend umgesetzt zu werden. Trotzdessen ist diese Entwicklung noch nicht weit genug fortgeschritten, um unserem Produktivsystem die notwendige Verlässlichkeit zu bieten. Eine relationale Lösung für amsl rückte also ebenfalls in den Fokus unserer Überlegungen.

Parallel zu unserer Suche nach einer zeitgemäßen Softwarebasis für amsl, hat das internationale Open Source Projekt FOLIO immer konkrete Gestalt angenommen. FOLIO ist eine Library Service Plattform, die über modular hinzufügbare Apps den gesamten Umfang eines Bibliotheksmanagementsystems abbilden kann und darüber hinaus beliebig erweiterbar ist. Technisch basiert FOLIO auf dem Konzept von Microservices, wobei domänenspezifische Apps wie “Ausleihe”, “Nutzerverwaltung”, “Erwerbung” oder “Katalogisierung” als einzelne Microservices umgesetzt werden. Genaueres zu Architektur,  Konzeption und der Community hinter FOLIO finden Sie unter http://folio.org.

Die Entwicklung von FOLIO findet nutzerzentriert statt, was bedeutet, dass zunächst von UX/UI-Designern in enger Kooperation mit Domänenspezialisten graphische Mock-ups der gewünschten Softwarelösungen erstellt werden, die Schritt für Schritt in mehreren Iterationen für Nutzbarkeit und Inhalt optimiert und erst danach von Softwareentwicklern technisch umgesetzt werden. Durch dieses stringente Designkonzept sind besitzt FOLIO eine sehr intuitive, funktionale und angenehme Oberfläche. Unter http://ux.folio.org/ können Sie die aktuellen klickbaren graphischen Proptypen der bisherigen FOLIO-Apps Ansehen und ausprobieren.

Es erschien als ein logischer und zukunftsweisender Schritt, eine Anwendung wie amsl als eine App auf Basis der FOLIO-Plattform umzusetzen. Um einen Einblick in die Entwicklung von Apps für FOLIO zu erhalten und den Code und die Community-Arbeit besser einschätzen zu können, haben wir im letzten Jahr bereits einen Prototypen für amsl-Discovery als FOLIO-App entwickelt. Die positiven Erfahrungen bei der Entwicklung haben uns in unserer Entscheidung bestärkt, für amsl auf FOLIO zu setzen. Um auch in Bereichen außerhalb des ERM an FOLIO mitwirken und unsere Anforderungen gezielt in die Community einbringen zu können, ist die UB Leipzig außerdem seit Juni 2018 offizielles Mitglied der OLE-Community und ist somit in strategischen Entscheidungsgremien wie dem FOLIO Product Council vertreten.

OLE - open library environment

Gemeinsam aktiv quelloffene, erweiterbare und service-zentrierte Bibliothekssoftware zu entwicklen ist das Ziel der OLE-Community, einem Zusammenschluss aus wissenschaftlichen und Fachbibliotheken.

Sowohl das Grundprinzip der Modularität als auch die aktive internationale Community haben uns bereits zum jetzigen Zeitpunkt große Vorteile gegenüber einer Einzelentwicklung ermöglicht. Seit März 2018 existiert durch Initiative und unter Leitung von VZG(GVB) und hbz eine FOLIO-Untergruppe zum Thema ERM, die eine funktionale ERM-App als Kernanwendung von FOLIO entwickeln wird. Unsere Ziele und Anforderungen sowohl hinsichtlich der fachlichen Details auf ERM-Ebene als auch der Anbindung an nationale Strukturen wie Verbundsysteme oder LAS:eR und die GOKb sind nahezu identisch. Dementsprechend war es ein konsequenter Schritt, unnötige Doppelarbeit zu vermeiden und für die ERM-Entwicklung unsere Ressourcen zusammenzulegen. Die UB Leipzig arbeitet daher nun im Rahmen des amsl-Projekts und als OLE-Mitglied aktiv innerhalb der ERM-Gruppe an FOLIO mit, sowohl mit Softwareentwicklern als auch bibliothekarischen Vertreten. Genauere Informationen zum ERM sind unter anderem auf der entsprechenden Unterseite des FOLIO-Wikis zu finden.

Einzelne Funktionsbereiche innerhalb der ERM-App können durch den modularen Aufbau von FOLIO weiter modularisiert und einzeln betrachtet und entwickelt werden. Deshalb hat die UB Leipzig nun ihre erste Aufgabe übernommen, die Unterstützung von Nutzungsstatistiken elektronischer Medien. Dabei werden SUSHI-Login-Daten verwaltet, Statistiken über den Nationalen Statistikserver oder direkt von einzelnen Anbietern abgerufen und auch Nicht-COUNTER-Statistiken eingegeben werden können. Die vorgehaltenen Daten werden, kombiniert mit den anderen Informationen aus dem ERM zu Reports aufgearbeitet werden. Neben dieser Entwicklungsaufgabe werden wir zusätzlich wie anfangs geplant die bisherigen amsl-Discovery-Funktionen als eigenständige App auf FOLIO portieren, damit weiterhin eine einfache, übersichtliche und transparente Konfiguration des finc-Indexes für Mitglieder der finc-Nutzergemeinschaft gewährleistet wird.

Wir freuen uns sehr auf die weitere Entwicklung und die Zusammenarbeit mit unseren nationalen und internationalen Partnern und werden Sie hier auf dem Laufenden halten. Ein konkreter Zeitplan für den Umstieg des Systems liegt bisher noch nicht vor, wir rechnen aber damit, den amsl-Anwendern vor Ende 2019 eine moderne ERM-App auf Basis von FOLIO anbieten zu können. Die Installation und der Betrieb für die sächsischen Universitätsbibliotheken wird unverändert bei der UB Leipzig fortgesetzt.

Unsere Entscheidung für FOLIO und die weiteren Zukunftspläne des amsl-Projekts werden wir außerdem in der nächsten Woche ausführlich auf dem 107. Bibliothekartag in Berlin vorstellen, wo wir Sie herzlich zu unserem von Richard Redweik und Annika Domin gehaltenen Vortrag einladen. Sie finden uns am Dienstag, den 12.6.2018 um 17:00 in Saal D unter dem Titel “Als FOLIO-App in die Zukunft? Das ERMS amsl sattelt um”.
Update: Die Vortragsfolien liegen nun frei zugänglich auf dem OPUS-Server unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0290-opus4-35107